eiskraut & sauerbein
Zeitschrift für Kunst und Leben zwischen den Kulturen
Ausgabe 2
15 Dez 2007
Elmar Ott
Ein Berliner Original
Berlin ist international. Niemand würde das in der heutigen Zeit noch ernsthaft bestreiten wollen. Allerdings kommt an dieser Stelle die Frage auf, in welchen gesellschaftlichen und beruflichen Bereichen tatsächlich Menschen vertreten sind, deren kulturelle Wurzeln in anderen Ländern liegen? Wie sieht es in den Berliner Amtsstuben, Institutionen und Unternehmen aus? Sind dort überall Berliner mit Migrationshintergrund vertreten? Unterscheiden sich die politischen Ziele, die persönliche Motivation dieser Personen, von denen ihrer ausschließlich deutschstämmigen Kolleginnen und Kollegen? In diesem Artikel sollen diese Fragen für den Bereich der Kommunalpolitik anhand des Beispiels des Kreuzberger SPD–Politikers Ahmet Iyidirli, aufgegriffen werden.
Was treibt diesen Mann an? Ist er ein klassischer SPD-Parteisoldat oder setzt er auf Grund seiner Herkunft andere Schwerpunkte als die Mehrheit der SPD-Mitglieder? Ich würde mich schon als gestandenen Sozialdemokraten bezeichnen, entgegnet er mir schmunzelnd. Er ist seit 27 Jahren in der SPD, Mitbegründer der HDF (Föderation der Volksvereine türkischer Sozialdemokraten in Europa seit 1977) sowie seit 1975 Mitglied im HDB (Progressive Volkseinheit der Türkei in Berlin / türkische Sozialdemokraten). Der Begriff des Parteisoldaten erscheine ihm aber als zu hart. Nicht immer und überall bin ich mit der SPD vollständig einer Meinung. Er fühle sich politisch aber nur in der SPD beheimatet und sei auch von der Partei gut aufgenommen worden, wie aus dem weiteren Gespräch hervorgeht. Seine politische Einstellung habe sich sehr früh herausgebildet, bereits in der Türkei zeichnete ihn eine linke, sozialdemokratische Grundeinstellung aus. Meine Wertvorstellungen habe ich mir nicht erst in der Bundesrepublik angeeignet, betont er. Seine Eltern hätten ihn in laizistischer und liberaler Tradition erzogen. Außerdem sei er eher dem linken Flügel der SPD zuzurechnen. Seine Einstellung zur Linkspartei sei eher unverkrampft. Er sehe die ehemalige PDS auf Landes- sowie auf Bundesebene als möglichen Koalitionspartner der SPD. Die Zankereien zwischen SPD und PDS betrachte er dagegen als legitime parteiliche Profilsuche und Abgrenzung zur jeweils anderen Seite. Eine ehrliche Antwort, wie ich meine.
Sein Schwerpunkt sei ganz klar die Sozialpolitik in all ihren Facetten. Er setze sich primär für Chancengleichheit in Beruf und Bildung ein, aus diesem Grund sei er ein starker Befürworter des Antidiskriminierungsgesetzes und unterstütze diverse antirassistische Aktivitäten. Kreuzberg liege ihm dabei besonders am Herzen, hier sei er auch heimisch geworden. Ich lebe seit über 20 Jahren in diesem Viertel, sagt er lachend. Für faire Chancen am Arbeitsmarkt setzt sich Herr Iyidirli auch deshalb ein, weil immer noch ca. 40% der Berliner mit Migrationshintergrund arbeitslos sind. Die Arbeitslosenquote aller Berliner liege zurzeit bei 20%. was keine gute Ausgangslage für eine Integration durch Arbeit sei, wie er mir deutlich macht. Außerdem würden sich noch viele »rein deutschstämmige« Arbeitgeber scheuen, türkisch- oder arabischstämmige Jugendliche einzustellen. Dabei werfe er den Unternehmern keinesfalls Rassismus vor, sondern scheint deren Ängste vor dem vermeintlich Fremden nachvollziehen zu können. Die Schuld sehe er zum Teil bei den zu einseitig agierenden Medien. Es würden überwiegend negative Berichte über Bürger mit Migrationshintergrund veröffentlicht, die friedliche Mehrheit dieser Personen würde fast völlig außer Acht gelassen. An dieser Stelle müsste seiner Ansicht nach erst einmal eine Änderung der öffentlichen Meinung erreicht werden, bevor signifikante Verbesserungen der Arbeitsmarktlage für türkisch- und arabischstämmige Jugendliche zu erwarten seien.
Die Bildungspolitik sei ein weiterer Schwerpunkt seines politischen Interesses, da gleiche Bildungsmöglichkeiten für alle die Vorraussetzung für gleiche Chancen am Arbeitsmarkt seien. Dabei habe er auch die gegenwärtigen Verhältnisse in Frankreich im Blick. Noch sehe er keine Gefahr für randalierende Jugendbanden auf Deutschlands Straßen, da es doch einige Unterschiede zwischen den Verhältnissen der beiden Länder gebe. So würden die MigrantInnen hier nicht in Trabantenstädte außerhalb der urbanen Zentren abgeschoben und hätten insgesamt eine größere Teilhabe am öffentlichen Leben. Viele würden sich in Sportvereinen organisieren, was zusätzliche Beschäftigung sowie ein regeres soziales Leben und gleichzeitig eine günstige Freizeitaktivität bedeute. Außerdem würden die hier lebenden Bürgerinnen und Bürger mit Migrationshintergrund aus eher laizistisch geprägten Ländern stammen, wie beispielsweise der Türkei. Trotzdem seien solch gewalttätige Auseinandersetzungen auch in Deutschland nicht völlig ausgeschlossen, wenn sich an der bescheidenen Arbeitsmarktlage nicht nur der arabisch- und türkischstämmigen Jugendlichen nichts ändere, schließt er das Thema ab.
Sein wichtigstes politisches Ziel und gleichzeitig seine größte Motivation sei somit die Verbesserung der Lebensverhältnisse aller hier lebenden Menschen, wobei ihm die Chancengleichheit der Jugendlichen in Bildung und Beruf besonders wichtig sei. Ich bin gegen jegliche Form der Diskriminierung, verdeutlicht er seine Einstellung. Des Weiteren sei er mit Leib und Seele Berliner. Aus diesem Grund finde er es schade, dass er von der ausschließlich deutschstämmigen Mehrheitsgesellschaft trotzdem manchmal nur als »der Ausländer« gesehen werde. Ein zugezogener Franke oder Schwabe wird dagegen als Berliner betrachtet, auch wenn er erst seit zwei Jahren hier lebt, entgegnet er mir. Einige »rein Deutschstämmige« würden leider noch nicht wahrnehmen, dass die Attraktivität Berlins auch aus den gewachsenen multikulturellen Milieus resultiere, beendet er diese Thematik.
Herr Iyidirli kann, objektiv betrachtet, nur als gestandener Sozialdemokrat und »Vollblutberliner« bezeichnet werden, wie ich meine. Ahmet Iyidirli unterscheidet sich somit nicht grundsätzlich von anderen Berliner Sozialdemokraten. Seine politischen Schwerpunkte, wie Antidiskriminierung, Rassismusbekämpfung, Verbesserung der Chancengleichheit sowie der allgemeinen Lebensverhältnisse, seien allgemeines sozialdemokratisches Gedankengut. Seine Motivation, sich gerade diesen Themen zu widmen, resultiere aber doch zum Teil aus seiner Vita, die ihn besonders sensibel gegenüber solchen Problematiken gemacht habe, schließt er das Interview ab.

