Interview zu den Krawallen mit Ahmet Iyidirli

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Steht in Deutschland ebenfalls eine Ghetto-Revolte bevor? Der sozialdemokratische Migrationsexperte Ahmet Iyidirli betont im SPIEGEL-ONLINE-Interview die Unterschiede zwischen den Ausländern in Frankreich und der Bundesrepublik. Das Abstellgleis-Gefühl der französischen Trabantenstädte ist bei uns eher selten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Iyidirli, seit in den französischen Trabantenstädten junge Männer aus Migrantenfamilien revoltieren, wird in Deutschland die bange Frage gestellt: Kann uns das auch blühen? Kann es das?

Iyidirli: Zunächst sage ich: Wir sollten die Ereignisse in Frankreich als Warnung begreifen. Alsdann stelle ich fest, dass es in Deutschland offensichtlich ein paar Trittbrettfahrer gibt, aber ich sehe, zumindest derzeit, nicht die Gefahr, dass hier Revolten wie die in Frankreich ausbrechen werden. Wenn sich allerdings die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der Migranten in Deutschland weiter verschlechtern, dann drohen uns in der Tat irgendwann ähnliche Explosionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie die derzeitige Lage der Einwanderer in Deutschland beschreiben?

Iyidirli: Die Arbeitslosigkeitsqoten unter Migranten werden leider nicht erhoben, aber ich gehe davon aus, dass beispielsweise die Arbeitslosigkeit unter Türken in Kreuzberg mittlerweile bei über 40 Prozent liegt. Und nach meiner Beobachtung und Erfahrung liegt sie bei den Jungen noch höher, nämlich bei weit über 50 Prozent.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie die Ursachen?

Iyidirli: Zum einen ist die Arbeitslosigkeit in Berlin mit 18,1 Prozent schon weit über dem Bundesdurchschnitt. Dann haben die meisten Migranten in der Industrie gearbeitet und Industriejobs sind es vor allem, die in den letzten Jahren weggebrochen sind. Schließlich kommt noch dazu, dass kleine Firmen im Dienstleistungssektor, die Jobs schaffen, doch eher einen deutschstämmigen Bewerber nehmen als einen türkischstammigen. Ich höre auch immer wieder von Jugendlichen, die sich um Jobs bewerben, dass schon die Tatsache, dass sie aus Kreuzberg kommen, negativ zu Buche schlägt.

SPIEGEL ONLINE: Da müssen doch diese Jungen aus türkischen Familien irgendwann resignieren.

Iyidirli: Es herrscht in der Tat bei vielen Perspektivlosigkeit, und das ist sehr gefährlich. Viele junge Leute werden auch in Qualifizierungsmaßnahmen geparkt, ohne dass sie Chancen auf dem derzeitigen Arbeitsmarkt hätten.

SPIEGEL ONLINE: Also bekommen wir doch irgendwann französische Verhältnisse.

Iyidirli: Nein, so einfach ist das nicht, denn es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Lebenswelten der Migranten in Deutschland und Fankreich.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Iyidirli: Zum einen leben in Berlin und den meisten deutschen Städten die Einwanderer in der Innenstadt und nicht in Trabantensiedlungen am Stadtrand. Sie sind also zumindest stadträumlich integriert. Sie haben nicht das Abstellgleis-Gefühl der Trabantenstädte. Zudem ist die türkische Szene in Berlin sehr gut vernetzt und organisiert. Es gibt eine Musik-, Party- und Clubscene, es gibt viele Fußball- und Sportclubs. Da können sich die Leute - auch wenn sie keinen Job und wenig Geld haben - verwirklichen und ihren Interessen nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann darüber hinaus in Deutschland getan werden, um eine Revolte nach französischem Muster zu vermeiden.

Iyidirli: Das entscheidende sind natürlich Jobs. Die Integration funktioniert vor allem anderen durch Arbeit. Aber die Politik ist auch auf einer anderen Ebene gefragt: Wir solten die jungen Migranten zum Beispiel endlich junge Berliner nennen.

SPIEGEL ONLINE: Die französischen Politiker, besonders der Innenminister, haben sich für die harte Linie entschieden.

Iyidirli: Dass der Innenminister die revoltierenden Jugendliche als "Gesindel" bezeichnet hat, halte ich für eine unnötige und fatale Eskalierung. Wenn deutsche Politiker in einer ähnlichen Situation so reagieren würden, könnte man auch für hier nichts mehr garantieren. Dann würden die Gefühle der Ausgrenzung, Diskriminierung, Hoffnungslosigkeit und Perspektivlosigkeit explodieren.

SPIEGEL ONLINE: Aber die in der Hautpstadt lebenden Migranten Berliner zu nennen, wie Sie es den Politikern anraten, ist doch nur symbolische Politik.

Iyidirli: Aber auch wichtig. Es gibt doch dieses Muster der Migration, dass sich in den meisten Industrieländern, die Einwanderung erlebt haben, wiederfindet. Die erste Generation ist noch der Heimat sehr verbunden. Die zweite will sich mit der neuen Heimat identifizieren. Die dritte Generation aber identifiziert sich, wenn sie sich abgelehnt und ausgeschlossen fühlt, wieder mit den Großeltern.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel die jungen Türken in Deutschland, die sich nicht anerkannt fühlen und sich dem Islam zuwenden.

Iyidirli: Es gibt eine kleine Minderheit die das tut, aber Sie müssen sehen, dass die meisten muslimischen Einwanderer in Deutschland aus Bosnien, der Türkei, Palästina und dem Libanon kommen. Das sind Länder, in denen die laizistische Tradition vorherrscht. Und das ist ein wichtiger Unterschied zu Frankreich, wo die meisten Migranten aus nordafrikanischen arabischen Ländern stammen, in denen es auch starke islamistische Strömungen gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben also Glück, dass bei uns die moderaten Muslime eingewandert sind.

Iyidirli: Das könnte man so sagen, aber man muss auch vorsichtig sein, wenn sich junge Migranten als Muslime bezeichnen. Ich war in Frankreich und habe bei Lyon Trabantenstädte besucht. Die Jungen dort saufen und kiffen den lieben langen Tag, sie stellen den Mädchen nach - und sagen, sie seien gute Muslime.