Worin unterscheidet sich Ströbele von seinem SPD-Herausforderer?
Ströbele lebt seit 44 Jahren in Berlin, arbeitet seit 35 Jahren als Rechtsanwalt und sitzt seit 1998 im Bundestag. Bei der letzten Bundestagswahl 2002 gewann er das Direktmandat in seinem Wahlkreis. Das gelang zuvor noch nie einem grünen Politiker in Deutschland.
Und Herausforderer Iyidirli? Der Vater einer Tochter wurde in Eskisehir (Türkei) geboren, studierte Volkswirtschaft, siedelte vor 30 Jahren nach Deutschland/Berlin über.
Sein Zungenbrecher-Name bedeutet übrigens "Mensch mit guten Eigenschaften". Mein Omen, sagt er.
Wie stehen Sie zur Freigabe von Drogen? Hans-Christian Ströbele (Grüne): "Ich lebe drogenfrei, trinke weder Alkohol noch Kaffee und rauche auch nicht. Ich rate jedem dringend davon ab, Drogen zu nehmen. Durch eine Freigabe weicher Drogen wie Haschisch kann man Menschen aber aus der kriminellen Szene rausholen. Man muß bei Drogen jedoch sehr differenzieren. Haschisch ist weniger gefährlich als Alkohol und Nikotin."
Ahmet Iyidirli (SPD): "Man darf nicht jeden kriminalisieren, der Drogen nimmt. Viel entscheidender als Strafen ist die Prävention, z.B. in der Schule und durch die Eltern."
In Berlin läuft eine Diskussion über die Einstellung von Ausländern in der Polizei... Ströbele: "Das sollte normal werden. Ordnungshüter aus den jeweiligen Kulturkreisen sind geeignet, Konflikte dort zu verhindern. Natürlich müssen Sie die deutsche Sprache beherrschen."
Iyidirli: "60 bis 70 Prozent der sogenannten Ausländer sind in Berlin geboren und aufgewachsen. Es sind ganz normale Berliner. Warum sollte man ihnen diese Chance verbauen? Ich bin da für eine Gleichberechtigung."
Ein sogenannter Ehrenmord hat Berlin erschüttert. Wo stehen Sie in dieser Debatte? Ströbele: "Ehrenmord ist Mord. Und für Mord kann es bei uns nur eine Strafe geben: lebenslänglich. Aber auch die, die zum Mord auffordern oder aufrufen, sind zu bestrafen."
Iyidirli: "Auch als in der Türkei geborener und aufgewachsener Mensch habe ich für Ehrenmorde keinerlei Verständnis. Das ist eine Straftat, die hart bestraft werden muß."
Mit Friedrichshain und Kreuzberg wurden zwei Bezirke aus dem alten Ost- und Westberlin fusioniert. Gibt's hier schon eine echte Einheit? Ströbele: "60 Prozent der Einwohner leben im Ostteil, nur 40 Prozent im Westen. Es gibt noch eine Grenze - die Spree. Auch in den Köpfen. Ein Beispiel: Wenn Friedrichshainer Eltern für ihre Kinder eine andere Schule suchen, kommen sie selten auf die Idee, sie nach Kreuzberg zu schicken. Das ist auch umgekehrt so. Aber Ost und West wächst unaufhaltsam zusammen. Etwa 10 000 Menschen aus dem alten Bundesgebiet ziehen jährlich nach Friedrichshain."
Iyidirli: "Ja, es gibt noch große Unterschiede. Aber die Vielfalt der Biographien der Menschen ist gleichzeitig eine gegenseitige Bereicherung."
Sie haben beide keine sicheren Listenplätze. Was machen Sie, wenn Sie kein Direktmandat gewinnen? Ströbele: "Dann arbeite ich wieder als Rechtsanwalt."
Iyidirli: "Ich mache seit 30 Jahren ehrenamtliche Politik. Wenn ich es nicht schaffe, werde ich weiter als Projektmanager tätig sein."
B.Z. 10. September. 2005

